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Tag: essay

  • Eine Nacht in Prag

    Eine Nacht in Prag

    Von dort, wo ich heute lebe, ist Prag erstaunlich nah – nur eine Grenze entfernt. Kafkas Stadt. Schon lange wollte ich diesen Ort besuchen, von dessen Schönheit ich so viel gehört hatte. Doch jedes Mal, wenn es so aussah, als könnte sich endlich ein freies Zeitfenster auftun, schob sich etwas anderes in den Kalender.

    Als der Sommer näher rückte, hörte ich dann von Christopher Nolans Die Odyssee. Das nächstgelegene Kino, in dem man den Film analog auf IMAX-70-mm-Film sehen konnte, lag in Prag. Es fühlte sich an wie ein Zeichen: Jetzt war der Moment gekommen.

    Der Film war bereits so gefragt, dass selbst einen Monat vor der Vorstellung kaum noch gute Plätze frei waren. Ich klickte mich durch die Termine, bis ich für eine Sonntagsvorstellung am frühen Nachmittag zwei Sitze leicht links von der Mitte entdeckte, und buchte sie sofort. Wenn wir schon so weit fuhren, dachte ich, konnten wir genauso gut einen Tag früher anreisen und ein wenig durch die Stadt streifen. Mit der Hotelbuchung warteten wir dennoch bis eine Woche vor der Abfahrt – beinahe so, als könnten zu viele Pläne im Voraus das Schicksal herausfordern und die ganze Reise doch noch zum Platzen bringen. Also machten wir uns auf zu unserer eigenen kleinen Odyssee: über eine Landesgrenze hinweg, nur wegen eines einzigen Films.

    An einem Samstagmorgen im Juli stiegen wir in den Bus nach Prag. Oben im Doppeldecker sitzend und die vorbeiziehende Landschaft betrachtend, hatte ich das Gefühl, auf einem großen Schiff zu sein, das langsam auf eine Insel namens Prag zutreibt. Ich öffnete Google Maps und speicherte unser Hotel, den Bahnhof und ein paar Cafes, Buchhandlungen, Galerien und Museen. Ich hatte nicht vor, in zwei Tagen alles abzuklappern. Aber ganz ohne Vorstellung loszufahren, liegt uns ebenso wenig. Lieber werfen wir vorher einen Blick auf die Karte und lassen uns dann dorthin treiben, wo Zufall und Gelegenheit uns hinführen.

    Nach dreieinhalb Stunden Fahrt über ein Meer aus Asphalt erreichten wir den Prager Hauptbahnhof. Bis zum Hotel waren es zu Fuß etwa dreißig Minuten. Mein Rucksack war ziemlich schwer, aber gerade weil wir die Stadt schon am nächsten Tag wieder verlassen würden, wollte ich so viel wie möglich zu Fuß zurücklegen.

    Diesmal hatte ich auch wieder eine richtige Kamera dabei. In letzter Zeit war ich meist nur mit einer Kompaktkamera unterwegs gewesen, doch für diese Reise setzte ich zum ersten Mal ein Canon-Objektiv mit 28-135 mm – ein Geschenk von Markos Onel – auf meine Fujifilm. Einen flüchtigen Moment in einer fremden Stadt ganz nah heranzuholen und ihn dann durch den Sucher zu betrachten – wie sehr ich diese Freude beinahe vergessen hatte.

    Früher hatte ich auf Reisen manchmal drei Festbrennweiten im Gepäck. Doch diese Reise war kurz. Ich wollte weniger Zeit mit Objektivwechseln verbringen und auch seltener allein stehen bleiben, nur um ein einziges Bild zu machen. Wenn man mit jemandem reist, hält in dem Moment, in dem man selbst stehen bleibt, auch die Zeit des anderen an. Diesmal wollte ich deshalb so viel wie möglich gemeinsam weitergehen – dieselben Dinge sehen, im selben Rhythmus unterwegs sein und die Bilder irgendwo dazwischen entstehen lassen.

    Ein erster Geschmack von Prag

    Obwohl wir in einem Land leben, das für sein Bier berühmt ist, trinken wir im Alltag kaum Alkohol. In Deutschland gibt es außerdem eine große Auswahl an guten alkoholfreien Bieren, was den Verzicht ziemlich leicht macht. Vielleicht ist es gerade deshalb umso schöner, wenn wir doch einmal trinken. Sobald es einen guten Anlass gibt, können wir das Schloss ohne allzu schlechtes Gewissen öffnen. Tschechien gilt als das Land mit dem höchsten Bierkonsum pro Kopf weltweit. Also beschlossen wir, uns diesem Strom für einen Moment einfach anzuschließen.

    Unser erster Halt war Naše maso, eine Metzgerei mit Restaurant, die uns ein deutscher Freund empfohlen hatte. Sie lag auf dem Weg zu unserem Hotel, also machten wir dort Mittagspause. Offenbar waren wir bei Weitem nicht die Einzigen, die davon gehört hatten. Vor dem Bestellterminal hatte sich eine lange Schlange von Touristen gebildet.

    Irgendwann fanden wir einen Platz und stellten einen frisch zubereiteten Burger und ein direkt vom Zapfhahn eingeschenktes Bier vor uns ab. Mit Fleisch ist es bei uns ein wenig wie mit Alkohol. Im Alltag versuchen wir, möglichst wenig davon zu essen. Ganz auf den Platz, den gutes Essen in unserem Leben einnimmt, wollen wir dennoch nicht verzichten. Auf Reisen lockern wir deshalb manchmal die Regeln. Mit leerem Magen biss ich in den saftigen Burger und nahm einen großen Schluck von dem malzigen Bier. Irgendwo in uns begannen Fleisch und Bier einen ausgelassenen Polka zu tanzen.

    Mit einer völlig übertriebenen Menge an Kalorien versorgt, gingen wir durch die mittelalterlichen Gassen der Altstadt und über die Karlsbrücke. Pünktlich zum Check-in um drei Uhr erreichten wir unser Hotel. Das Zimmer war klein und gemütlich, mit einem Fenster zur Straße. Wir stellten nur unsere Rucksäcke ab und gingen gleich wieder hinaus. Beim Weiterlaufen begegneten uns überall Stände, an denen das schornsteinförmige Gebäck Trdelník verkauft wurde. Ich hatte mir etwas in der Größenordnung eines Croissants vorgestellt, doch mit einer Portion Eis obendrauf sah unseres eher wie eine kleine Fackel aus. Eines hätte locker für uns beide gereicht. Stattdessen liefen wir beide mit riesigen Trdelník durch die Straßen, als wären wir mittelalterliche Stadtbewohner mit Fackeln in der Hand. Ich gab mir Mühe, schaffte es aber nicht, meinen ganz aufzuessen. Den Rest überließ ich schließlich den Bienen, die schon eine Weile begierig um den Zucker kreisten. Unsere erste Mahlzeit und unser erstes Dessert wären beinahe zugleich unser letztes Essen des Tages geworden. Uns blieb nichts anderes übrig, als weiterzulaufen.

    Zwei Bücher, dem Zufall verdankt

    Nachdem wir die Menschenmengen hinter uns gelassen hatten, schlenderten wir durch die ruhigeren Gassen der Malá Strana. Dort tauchte plötzlich eine einladende Buchhandlung vor uns auf: Shakespeare and Sons, einer der Orte, die ich auf der Karte gespeichert hatte. Ich hatte nicht einmal gezielt danach gesucht, und doch hatte ich das Gefühl, als hätte ausgerechnet der Ort, auf den ich mich am meisten gefreut hatte, zuerst mich gefunden.

    Drinnen wirkte alles, als hätte jemand ein altes Wohnhaus genommen und Wohnzimmer und Küche vollständig in Bücherregale verwandelt. Ob Café, Buchhandlung oder Museum – ich fühle mich meist stärker zu Orten hingezogen, die aussehen, als hätte dort über viele Jahre jemand gelebt, als zu Räumen, die bis ins Letzte makellos und durchgestaltet sind.

    Im Untergeschoss warteten noch mehr Bücher: Kunst, Fotografie, Architektur, Comics und zahllose weitere Themen. Das warme Licht der Lampen legte sich über Menschen, die in einzelnen Sesseln tief in ihre Bücher versunken waren. Da standen Sofas mit abgewetzten Kanten und Tische, die unter Bücherstapeln beinahe verschwanden. Selbst ein halber Tag hätte sich dort zu kurz angefühlt.

    Zwischen den Regalen entdeckte ich John Bergers The Moment of Cubism (Verso, 2026) und Hans Ulrich Obrists Ways of Curating (Penguin Books, 2015). Ich wollte den Prager Kubismus ein wenig besser verstehen, und Bücher über das Sehen und das Auswählen schienen mir zugleich etwas für die eigene Arbeit mitgeben zu können. Zusammen kosteten sie 898 tschechische Kronen, etwa 37 Euro – genug für ein gutes Essen zu zweit. Trotzdem waren es Texte, mit denen ich mich wirklich beschäftigen wollte. Und der Kauf fühlte sich zugleich wie eine kleine Geste der Unterstützung für eine Buchhandlung an, von der ich hoffte, dass sie noch lange bestehen würde. Selbst das gelbe Lesezeichen, das wir dazu bekamen, gefiel mir.

    Wir hatten nur einen einzigen Tag in Prag. Widerwillig schob ich den Wunsch beiseite, noch länger zu bleiben, steckte die beiden Bücher mit den weißen Einbänden vorsichtig in meine Tasche und trat wieder hinaus auf die Straße. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich sie gekauft habe, auch wenn es sich in diesem Moment ein wenig unvernünftig anfühlte.

    Ein Abend, an dem vier Jahreszeiten vergingen

    Als uns unsere eifrigen Schritte bis in den Abend getragen hatten, wollte ich mich am liebsten irgendwo hinsetzen. Vielleicht lag es an dem riesigen Trdelník, jedenfalls hatte ich kaum Hunger. Ein oder zwei Bier würden reichen.

    Da fiel uns das Pivovar U Medvídků ins Auge. Wir beschlossen, der Jahreszahl 1466 ein wenig Vertrauen zu schenken. Im Lauf der Jahrhunderte hatte das Gebäude viele verschiedene Leben geführt: als Brauerei, Bierhalle und Kabarett, zeitweise in staatlichem Besitz während des Sozialismus und später wieder in den Händen der ursprünglichen Eigentümer. Auch die zwischenzeitlich unterbrochene Brautradition wurde um 2004 wieder aufgenommen, als im Haus eine kleine Brauerei eingerichtet wurde.

    Sich nur für eine Sorte zu entscheiden, erschien uns fast schade, also bestellten wir ein Probierbrett. Kurz darauf standen vier kleine Gläser ordentlich nebeneinander auf dem Tisch. Die ersten beiden Biere waren frisch und lebendig. Die beiden danach wurden zunehmend dunkler, kräftiger und schwerer. Es fühlte sich an, als würden wir vom Frühling in den Sommer hinübergleiten und von dort weiter in den Herbst und den Winter.

    Wir machten ein Spiel daraus. Bei jedem Schluck mussten wir gleichzeitig ein Wort rufen, das wir mit der jeweiligen Jahreszeit verbanden. Manche kamen aus Erinnerungen an gemeinsam Erlebtes, andere waren seltsame kleine Assoziationen, die ohne Vorwarnung auftauchten. Wir sprachen einfach alles aus, was uns in den Sinn kam. Kurz vor dem letzten Schluck des Winterbiers lautete mein letzter Beitrag: „Der Arbeit is Schnee!“
    Vier Jahreszeiten waren innerhalb weniger Gläser durch uns hindurchgezogen, und der Alkohol machte sich schneller bemerkbar, als wir gedacht hatten.

    Charles Stricklands letztes Wandbild

    Prag nach Einbruch der Dunkelheit fühlte sich wie eine andere Stadt an. Es war unsere erste Nacht dort und zugleich unsere letzte. Wir sammelten die letzten Kräfte und beschlossen, noch ein wenig weiterzuziehen.

    Inzwischen hatten wir Gefallen am Prager Bier gefunden. Beim Herumlaufen stießen wir auf eine gut besuchte Bar namens IV. Ich bestellte ein Budvar 33, das in einem niedrigen, bauchigen Halbliterglas serviert wurde, einem sogenannten pulitr. Es war ein helles Lager, doch seine herbe Bitterkeit trat deutlich hervor. An einer Wand befand sich ein üppiges Gemälde voller tropischer Pflanzen. Im gedämpften Licht musste ich an Somerset Maughams Der Mond und sechs Pence denken – an Charles Strickland auf Tahiti, der sein letztes Wandbild vollendet, während sein Körper immer weiter verfällt.

    Natürlich hatte das Bild vor mir kaum etwas mit dem Wandgemälde aus dem Roman gemeinsam. Doch der Alkohol begann bereits, die Konturen meiner Gedanken ein wenig weicher werden zu lassen, und eine genaue Ähnlichkeit war gar nicht nötig. Es reichte, um die Fantasie in Bewegung zu setzen. Ich fragte mich auch, wie wohl die Kulisse mit den üppigen Palmblättern ausgesehen hatte, vor der Kafka als Kind in einem Fotostudio fotografiert worden sein soll. Vielleicht ein wenig wie diese hier?

    Wir saßen dem Wandbild gegenüber, tranken unser Bier und sprachen darüber, wohin wir im Winter reisen könnten. Einen passenderen Ort, um Pläne und Ideen langsam Gestalt annehmen zu lassen, hätte ich mir kaum vorstellen können.

    Ein altes Arbeitszimmer und ein letztes Bier

    Auf unserem letzten Spaziergang fiel mir auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Raum auf, dessen Wände voller Regale mit alten Büchern waren. Zuerst hielt ich ihn für eine kleine Bibliothek, doch als ich näher kam, stellte sich heraus, dass es eine Bar war: das Café Club Míšeňská. An einer Bar voller Bücher konnte ich nicht einfach vorbeigehen. Bis zum Feierabend blieben nur noch etwa dreißig Minuten, doch wir beschlossen, dort unser letztes Bier zu trinken. Wir setzten uns auf ein Sofa nahe dem Ausgang. Vintage-Möbel, Pflanzen und Bücher füllten den Raum in einer ungezwungenen, bewohnten Mischung.

    Ich stellte mein Bier neben einer alten Schreibmaschine ab und zog nach und nach tschechische Bücher aus den Regalen. Ich konnte keinen einzigen Satz lesen, aber das spielte kaum eine Rolle. Das alte Papier zu berühren, die Schriftbilder zu betrachten und sich die Gestaltung der Einbände anzusehen, war schon für sich genommen ein Vergnügen.

    Nach der Reise begann ich, etwas über die Geschichte des Gebäudes nachzulesen. Einst befand sich dort eine Imkerei, und über viele Jahre hinweg wurden unter dem Besitz einer Familie Seife und Parfüm hergestellt. Seit 2016 wird das Haus als Café betrieben, während der Keller als kleiner Club für Konzerte und Aufführungen dient – eine Art Salon, in dem lokale Kultur und Menschen weiterhin zusammenfinden.

    Es sah ganz danach aus, als würde ich Prag verlassen, ohne Kafka je wirklich begegnet zu sein. Aber das war in Ordnung. Statt Franz Kafkas Spuren nachzugehen, hatte ich in der ganzen Stadt kleine Fragmente einer literarischen Atmosphäre gesammelt. Wenn ich nach Prag zurückkehre, möchte ich Míšeňská noch einmal bei Tageslicht besuchen. Beim nächsten Mal bestelle ich, glaube ich, lieber Kaffee als Bier.

    Ein stiller Morgen

    Zum Glück hatte ich keinen Kater. Ich wachte in der warmen Stille des Zimmers auf, schob mich vorsichtig unter der raschelnden Bettdecke hervor und trank einen Schluck Wasser. Dann nahm ich die beiden Bücher, die ich am Vortag gekauft hatte, zusammen mit meinem Tagebuch und setzte mich ans Fenster. Draußen war die Straße noch ruhig. Ab und zu fuhr ein einzelnes Auto vorbei.

    Wenn man mit jemandem reist, wird Zeit, die man allein mit Lesen und Schreiben verbringen kann, besonders kostbar. Lesen und Schreiben sind schließlich Tätigkeiten, die für mich erst dann wirklich Bedeutung bekommen, wenn ich ganz für mich bin. Ich rechnete mit dreißig Minuten, vielleicht höchstens einer Stunde. Am offenen Fenster, während der Wind ins Zimmer zog, machte ich es mir klein zusammengerollt bequem und schlug die erste Seite eines der Bücher auf. Nach ein paar Seiten fiel mir plötzlich ein Satz ein, den ich festhalten wollte, also griff ich stattdessen zum Tagebuch.

    Es war nur eine kurze Notiz über den Tag zuvor, ein Versuch, den zurückgelegten Weg noch einmal nachzuzeichnen. Als ich fertig war und den Eintrag noch einmal las, fiel mir auf, dass die längsten Passagen von zwei Dingen handelten: von der Freude, endlich wieder richtig mit einer Kamera zu fotografieren, und davon, ganz zufällig auf eine Buchhandlung gestoßen zu sein und sie mit zwei Büchern wieder verlassen zu haben.

    Vielleicht lässt es sich einfach nicht anders sagen. Bilder und Texte sind seit jeher meine ältesten Quellen. Ich schloss das Tagebuch und verstaute die Bücher wieder in meinem Rucksack.

    Wir checkten aus dem Hotel aus und machten uns mit unseren schweren Rucksäcken wieder auf den Weg durch die Stadt. Nachdem wir die Karlsbrücke überquert hatten und durch einen Durchgang ins Innere eines Gebäudekomplexes gelangt waren, öffnete sich vor uns ein kleiner Innenhof. Vor Jahrhunderten hatte dieser Ort zu einem Komplex des Malteserordens gehört. Heute befindet sich dort das L4 Cafe. Der Hof war auf allen Seiten von Gebäuden umschlossen, doch über unseren Köpfen blieb der Himmel offen. Es war zugleich draußen und drinnen, und der Lärm der Stadt schien hier wie durch eine dünne Schicht gedämpft. Mit Cappuccino und Kuchen begannen wir unseren Morgen in Prag.

    Eine Odyssee auf Film

    Das Cinema City Flora, in dem der Film gezeigt wurde, liegt östlich des Stadtzentrums. Mit der Straßenbahn waren wir etwas mehr als dreißig Minuten unterwegs. Im rechteckigen Rahmen des Fensters tauchte Prag unaufhörlich auf und verschwand wieder: Häuser, Menschen, Baumreihen entlang der Straßen. Nach einem einfachen Mittagessen im Einkaufszentrum betraten wir endlich den Kinosaal.

    Wir gingen durch ein Meer aus roten Sitzen und nahmen vor einer IMAX-70-mm-Leinwand Platz, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte. Mein Blick war auf dieser Reise vom Sucher meiner Kamera zu den Seiten meines Tagebuchs gewandert, dann zu dem viereckigen Stück Himmel zwischen den Häusern des Innenhofs. Nun erreichte er das letzte Ziel unserer Reise: diese gewaltige Leinwand. Das Licht durchdrang Bild für Bild die großen Filmstreifen und entfaltete auf der weit geöffneten Leinwand überwältigende Szenen. Wenn die Leinwände, die ich bis dahin gekannt hatte, die Welt mit zusammengekniffenen Augen betrachtet hatten, dann fühlte sich 70 mm an, als würden sie die Augen plötzlich weit öffnen und all jene Details sichtbar machen, die die ganze Zeit da gewesen waren und sich doch verborgen hatten.

    Wir folgten Odysseus auf der Insel Ogygia bei Kalypso, während einzelne Bruchstücke seiner Erinnerung zurückkehrten, und begleiteten ihn auf seinem langen Weg nach Hause. Besonders James Blakes Stimme zog mich vollkommen in ihren Bann und wurde für mich zu einem der prägendsten Klänge des Soundtracks. Als der Film vorbei war und wir mit der Rolltreppe nach unten fuhren, reichte Marco mir einen seiner Kopfhörer. Wir hörten den Abspannsong „When I’m Home“ immer wieder und sprachen dabei über das, was wir gerade gesehen hatten. Bis zu unserem Bus nach Hause blieben noch etwa vier Stunden. Also fuhren wir noch zum Tanzenden Haus an der Moldau und machten uns von dort zu Fuß auf unseren letzten Spaziergang durch Prag, zurück in Richtung Hauptbahnhof.

    Im Abendbus zurück nach Regensburg hob ich den Blick von einem der neu gekauften Bücher und sah aus dem Fenster. Nur eine einzige Nacht in Prag.

    Keines der Museen und keine der Galerien, die ich auf Google Maps gespeichert hatte, hatten wir besucht. Und trotzdem erstaunte mich, wie viel künstlerische Zeit uns in diesen kurzen, zufälligen Begegnungen zugefallen war: die Schätze im Untergeschoss der Buchhandlung, vier kleine Biere, in denen die Jahreszeiten vorüberzogen, eine Bar voller Bücher, mein aufgeschlagenes Tagebuch am Hotelfenster und jene überwältigenden Landschaften, die sich auf 70-mm-Film vor uns entfalteten.

    Zum Glück war unser Heimweg erheblich kürzer als der des Odysseus. Noch immer vom Schwung der Reise erfasst, blieb ich bis zwei Uhr morgens wach, stürzte mich ziemlich geräuschvoll von einem Thema ins nächste und fiel erst danach ins Bett. Für jemanden wie mich, der von einem Leben träumt, das ganz von Büchern und Kunst durchzogen ist, schienen die Bilder aus Prag immer wieder dasselbe zu flüstern. Dieses Leben gibt es. Also komm zurück. Komm noch einmal her und lass dich ganz von diesem Traum forttragen.

    *Auch verfügbar auf:

  • One Night in Prague

    One Night in Prague

    From where I live now, Prague is surprisingly close – just one border away. Kafka’s city. I had long wanted to visit the place I had heard so much about, yet somehow, whenever I thought I might finally have the time, something else would slip into the calendar.

    Then, as summer approached, I heard about Christopher Nolan’s The Odyssey. The nearest cinema where we could experience it in analog IMAX 70mm was in Prague. It felt like a sign that the time had finally come. The film was already so popular that, even a month before the screening, nearly all the good seats were gone. I clicked through the dates until I found two seats left of center for a Sunday matinee and booked them immediately. If we were going all that way, I thought, we might as well arrive the day before and spend a little time wandering through the city.

    We held off booking our hotel until a week before departure, almost as if making too many arrangements in advance might somehow tempt fate and cause the whole trip to fall through. And so we set out on a small odyssey of our own: crossing a border for the sake of a single film.

    On a Saturday morning in July, we boarded a bus bound for Prague. Sitting on the upper deck and watching the landscape pass outside the window, I felt as though we were aboard a large ship, drifting towards an island called Prague. I opened Google Maps and saved our hotel and the train station, along with a handful of cafes, bookshops, galleries, and museums. I had no intention of trying to see them all in two days. Still, rather than setting off knowing nothing at all, we like to glance over a map first and then let ourselves drift towards whatever chance and coincidence happen to place in our path.

    After three and a half hours sailing across a sea of asphalt, we arrived at Prague’s main station. It was a thirty-minute walk to our hotel. My backpack was fairly heavy, but knowing we would leave the city again tomorrow made me want to take as many steps as I could.

    This time, I had brought a proper camera with me too. Lately I had been traveling with little more than a compact camera, but for this trip I mounted a 28-135mm Canon lens, a gift from Marco’s uncle, onto my Fujifilm camera for the first time. Drawing a fleeting moment in an unfamiliar city closer, then studying it through the viewfinder – this was a pleasure I had almost forgotten.

    There was a time when I travelled with three prime lenses dangling from my bag. But this journey was short. I wanted to spend less time changing lenses, and less time standing alone in one place for the sake of a single photograph. When you travel with someone, your stopping also brings their time to a halt. This time, I wanted, as much as possible, to keep walking together – to look at the same things together, and somehow make photographs along the way.

    The First Taste of Prague

    Even though we live in a country famous for beer, we hardly drink at all in everyday life. Germany also has a wide range of good non-alcoholic beers, which makes abstaining fairly easy. If anything, this kind of routine makes the occasions when we do drink feel more worthwhile. When a good enough reason presents itself, we can loosen the lock without much guilt. The Czech Republic is said to have the highest beer consumption per capita in the world, so we decided to go with the flow.

    Our first stop was Naše maso, a butcher shop and restaurant recommended by our German friend. On the way to our hotel, we stopped there for lunch. Apparently, we were far from the only ones who had heard of it. A long line of tourists had formed in front of the ordering kiosk. Eventually, we found a place to sit and set down a freshly made burger and a beer poured straight from the tap next to us. Meat, for us, is a little like alcohol. We try to eat as little of it as possible in ordinary life, but neither of us is quite willing to give up the place that good food occupies in our lives. So when we travel, we occasionally let the rules loosen. On an empty stomach, I bit into the juicy burger and took a long drink of the rich, malty beer. Somewhere inside us, the meat and beer began dancing an enthusiastic polka.

    Properly fueled with an unreasonable amount of calories, we made our way through the medieval lanes of the Old Town and crossed Charles Bridge. We reached our hotel just in time for the three o’clock check-in. Our room was small and cosy, with a window overlooking the street. We dropped our backpacks and headed straight back outside. As we walked, we kept seeing stalls selling chimney-shaped pastries called trdelník. I had imagined something roughly the size of a croissant, but once topped with ice cream, ours looked more like a small torch. One would easily have been enough to share. Instead, we each carried an enormous trdelník through the streets like medieval townspeople bearing torches. I did my best, but I couldn’t finish. In the end, I surrendered what was left to the bees, who had been circling eagerly around the sugar. Our first meal and first dessert very nearly became our last food of the day. There was nothing left to do but keep walking.

    Two Books Found by Chance

    After leaving the crowds behind, we wandered through the quieter streets of Malá Strana, where an inviting bookshop appeared in front of us. It was Shakespeare and Sons, one of the places I had saved on the map. I had not gone looking for it, yet somehow the place I had been most excited to visit seemed to find me first.

    Inside, the rooms felt as though someone had taken an old house and turned its living room and kitchen entirely into bookshelves. Whether it is a cafe, a bookshop, or a museum, I am more easily drawn to places that feel like a home someone once lived in for years than to spaces polished into sleek perfection.

    Downstairs, even more books waited: art, photography, architecture, comics, and countless other subjects. Warm pools of lamplight fell over readers sunk into books on single armchairs. There were worn sofas with frayed edges and tables buried beneath stacks that seemed ready to burst. Half a day would hardly have felt enough.

    Among the shelves, I found John Berger’s The Moment of Cubism (Verso, 2026) and Hans Ulrich Obrist’s Ways of Curating (Penguin Books, 2015). I wanted to understand Prague’s Cubism a little better, and books about ways of seeing and ways of choosing felt as though they might leave something behind in my own work as well. Together they cost 898 Czech koruna, about 37 euros – enough for a generous meal for two. Still, these were texts I genuinely wanted to study, and buying them also felt like a small way of supporting a bookshop I hoped would continue to exist. I even loved the yellow bookmark tucked in with them.

    We had only one day in Prague. I reluctantly folded away the wish to stay longer, slipped the two white-covered books carefully into my bag, and stepped back outside. Looking back, I am glad I bought them, even if it felt slightly extravagant at the time.

    An Evening That Passed Through Four Seasons

    By the time our enthusiastic walking carried us into the evening, I was ready to sit down almost anywhere. Perhaps because of the enormous trdelník, I was not particularly hungry. A beer or two seemed enough.

    That was when Pivovar U Medvídků caught my eye. We decided to place a little trust in the weight of the number 1466. Over the centuries, the building had passed through many lives: brewery, beer hall, cabaret, a period of state ownership under socialism, and eventually a return to its original owners. Its brewing tradition, interrupted for a time, was revived around 2004 with the opening of a small in-house brewery.

    Choosing just one beer felt like a missed opportunity, so we ordered a tasting flight. Four small glasses soon appeared in a neat row across the table. The first two were crisp and lively. The next two grew darker, deeper, and heavier. It felt like moving from spring into summer, then crossing over into autumn and winter.

    We made a game of it. With each sip, we had to call out a word connected to that season at exactly the same time. Some came from memories we had made together; others were odd little associations that surfaced without warning. We said them all without hesitation. Just before the final sip of the winter beer, my last contribution was: “Der Arbeit is Schnee!” (Work is piling up like snow!) Four seasons had passed through us in the space of a few glasses, and the alcohol caught up with us quickly.

    Charles Strickland’s Final Mural

    Prague after dark felt like a different city. It was our first night there, and at the same time our last. We gathered what energy we had left and decided to keep exploring.

    By then, we were becoming increasingly fond of Prague’s beer. While walking, we came across a crowded bar called IV Bar. I ordered a Budvar 33, which arrived in a squat, round-beliied half-litre glass known as a pulitr. It was a pale lager, but the bitterness came through with surprising clarity.

    On one wall was a mural dense with tropical plants. Looking at it under the dim lights, I thought of Somerset Maugham’s The Moon and Sixpence – of Charles Strickland in Tahiti, finishing his final mural as his body deteriorated around him. The painting in front of me was, of course, nothing like the one in the novel. But with alcohol beginning to soften the edges of my thoughts, the resemblance did not need to be exact. It was enough to set the imagination in motion. I also wondered about the lush palm-leaf backdrop used in the photography studio where Kafka was said to have been photographed as a child. Could it have looked anything like this?

    We sat facing the mural, drinking our beer and talking about where we might travel that winter. I can hardly imagine a better place for letting plans and ideas begin to take shape.

    An Old Study and One Last Beer

    On our final walk, I noticed a room across the street lined with shelves of old books. At first, I thought it might be a small library, but when I moved closer, I realized it was a bar: Cafe Club Míšeňská. A bar full of books was not something I could simply walk past. There were only about thirty minutes left before closing, but we decided to have our final beer there. We took a seat on a sofa near the exit. Vintage furniture, plants, and books filled the room in a loose, lived-in arrangement.

    I set my beer beside an old typewriter and began pulling Czech books from the shelves, one by one. I could not read a single sentence, but that hardly mattered. Touching the aged paper, looking at the type, and studying the way the books had been bound was pleasure enough.

    After the trip, I looked into the history of the building. It had once housed an apiary and, for many years under the ownership of a single family, was used to make soap and perfume. Since 2016, it has operated as a cafe, while the cellar has become a small club for concerts and performances – a kind of salon that continues to bring together local culture and people. It seemed I would leave Prague without ever properly meeting Kafka. That was all right. Instead of tracing Franz Kafka’s footsteps, I had been gathering fragments of literary atmosphere from all over the city. If I return to Prague, I would like to come back to Míšeňská in daylight. Next time, I think I will order coffee instead of beer.

    A Quiet Morning

    Thankfully, there was no hangover. I woke in the warmth and stillness of the room, slipped carefully out from under the rustling duvet, and took a sip of water. Then I gathered the two books I had bought the day before, along with my journal, and sat by the window. The street was still quiet. Every now and then, a single car passed below.

    When traveling with someone, time alone to read and write feels especially precious. Reading and writing, after all, are acts that only become fully meaningful when one is entirely alone. I thought I might have thirty minutes, perhaps an hour at most. Curled up by the open window with the breeze coming in, I turned to the first page of one of the books. After a few pages, a sentence I wanted to write suddenly came to me, so I opened my journal instead.

    It was only a brief record of the day before, a way of retracing the route we had taken. When I finished and read it back, I noticed that the longest passages were about two things: the pleasure of properly taking photographs with a camera again, and the story of finding a bookshop by chance and leaving with two books.

    Perhaps there is no getting around it. Images and words have always been my oldest sources. I closed the journal and packed the books back into my bag.

    We checked out of the hotel and stepped back into the city with our heavy backpacks. After crossing Charles Bridge and turning into the interior of a building, we came upon a small courtyard. Centuries ago, the space had formed part of a complex belonging to the Order of Malta. Today, it is home to L4 Cafe. Buildings enclosed the courtyard on every side, yet the sky remained open above us. It was outside and inside at once, with the noise of the city softened by a thin layer of distance. We began our Prague morning there with cappuccino and cake.

    An Odyssey on Film

    Cinema City Flora, where the film was being screened, lies to the east of the city center. The tram ride took a little over thirty minutes. Through the rectangular frame of the window, Prague kept appearing and disappearing: buildings, people, rows of trees along the street. After a simple lunch at the shopping center, we entered the cinema at last.

    We passed through waves of red seats and sat down before an IMAX 70mm screen unlike any I had seen before. My gaze had traveled from the camera’s viewfinder to the pages of my journal, then to the square of sky framed by the buildings around the courtyard. Now it arrived at the final destination of the journey: this enormous screen. Light passed through the great strips of film, frame by frame, releasing extraordinary images across a screen that seemed to open in every direction. If the screens I had known until then had been looking at the world through narrowed eyes, 70mm felt like seeing with them fully open, revealing details that had always been there but somehow remained hidden.

    We followed Odysseus as fragments of memory returned to him on Calypso’s island of Ogygia, and traveled with him through the long passage home. I was completely take by James Blake’s voice, which became one of the defining sounds of the film’s score. When the film ended and we rode the escalator down, Marco handed me one side of his earphones. We listened to the closing song, “When I’m Home,” on repeat while talking through what we had just seen. There were still about four hours before our bus home. So we headed towards the Dancing House by the Vltava and took one last walk through Prague on our way back to the main station.

    On the evening bus back to Regensburg, I looked up from one of the books I had just bought and gazed out the window. Only one night in Prague. We had not made it to any of the galleries or museums I had saved on Google Maps, and yet I was struck by how much artistic time had found us in brief, accidental encounters: the treasures in the basement of the bookshop, four small beers passing through the seasons, a bar filled with books, my journal open by the hotel window, and those breathtaking landscapes unfolding across 70mm film.

    Thankfully, our journey home was much shorter than Odysseus’s. Still caught in the momentum of the trip, I stayed up until two in the morning, noisily throwing myself into one subject after another before finally falling asleep. For someone who dreams of a life covered in books and art, the scenes I had seen in Prague kept whispering the same thing to me. That life exists. So come back. Come back once more, and let yourself be completely carried away by the dream.

    *Reading in other languages:

  • A Journal Growing into a Work of Art

    A Journal Growing into a Work of Art

    For the past year, I have been filling my journals with the mindset of ‘publishing’ them. I use letters and images cut from printed materials, along with my own handwriting, drawings, masking tape, and stickers. The process feels much like recording an improvisation exactly as it unfolds. Rather than starting with an elegant plan for the layout, I let my hands move first, leaving the rhythm of the day on the page. It feels as though I am editing, little by little and in real time, a magazine about my own life. When the first edition began to take shape, I also started scanning and sharing it publicly, two pages at a time.

    By the time I finished the first edition, fifteen days had passed since my mother’s death. There was still about ten percent of the notebook left to fill, but for the next two months, I could not write in my journal at all.

    Then one day, while wandering through a bookstore, I came across a notebook that immediately drew me in. It belonged to the Notizbuch series by Insel-Bücherei. It was smaller than the journal I had brought from Korea and nearly five times more expensive, but I loved its design, which closely resembled the hardcover Insel-Bücherei books I had always admired. It also seemed like the kind of notebook I could continue to collect in the same format, one volume after another, rather than something that would end with a single book. The new notebook gave me enough energy to begin writing again at the end of April. I tried to pick up the rhythm that had been interrupted. Each time I opened it, I felt as though I were writing a book of my own, and that feeling helped me sink more deeply into the pages.

    Before I made a conscious decision to write journals that could one day be shown to others, I had already exhibited one of my journals at a small book fair in Korea. I was there to introduce Private Paradise, my first independently published book, which was based on my diary entries. I brought the original journal with me, thinking it might lend the book a stronger sense of truth. Visitors to the booth were drawn not only to the book, but also to the journal itself. I watched with interest as they turned its pages carefully, with a mixture of quiet curiosity and the faint guilt that comes from looking into someone else’s diary.

    Later, when I created SAPA (Stacked and Piled Attempts), an art book series, I left one of my journals at a bookstore for nearly a month as part of an exhibition. I had shown my photographs in exhibitions several times before, but this was the first time my journal had remained in a space without me. It frightened me a little to make such private records available to strangers. Still, the journal was from several years earlier, and the most important passages had already been written in a secret language I had invented when I was seventeen. That distance made it easier to let the journal stay there.

    After coming to Germany, I had a similar experience. To the people I met here, my journals seemed to be mysterious objects in their own right. Whenever I showed one to someone, they would linger over each page for a long time, almost as if they were looking at a painting, even though most of the words were written in Korean. It felt strange and quietly moving to realize that even when the language could not be read, people still approached someone else’s diary with care.

    Each time I placed my journals before others, I began to understand something. A journal may serve as a record of daily life, but for me, it is also the work of art I have sustained longer than anything else in my life. Just as a painting on canvas can be an artist’s language, or a novel can be a writer’s, the journal has become the form through which I hold time and express my world.

    The rhythm of handwriting, collages made from cut paper, photographs and drawings, notes and empty spaces ⎯ all of these elements were becoming a visual language of their own, reaching people before the written content could. Once I realized that a journal could draw a response similar to the one people have before a work of art, I decided to bring my journals into the world more deliberately. I began to think of them not as daily notes, but as art books completed one page at a time.

    Recently, I had the opportunity to exhibit the first edition of my journal alongside photographs and notes in a festival space. People who could not read Korean still lingered in front of the pages. Some looked carefully at the drawings; others examined the collaged fragments; some searched through page after page, looking for the occasional German sentence scattered among the Korean. Watching them, I felt once again that what I had been creating all this time was not merely a journal, but a visual work built from layers of writing, images, and time.

    I do not want my journals to remain merely tools for recording the day. They will continue to be the starting point of my work, and perhaps the medium I will stay with the longest. Alongside the ongoing archive of the original journals, I hope to create new books from those records. Some pages will remain as they are, while others will be gathered into essays and art books, becoming works of their own. A record does not end; it continues to grow into other forms.

    What I want to make is not a single book. It is a world formed slowly over time, as the records born from one person’s life connect, expand, and begin to belong to one another. The first page has already been opened. There is only one thing left for me to do: complete today’s page, and tomorrow, open the next. In this way, over a long stretch of time, I will continue publishing the life of one person.

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  • Mitten im Wunder

    Mitten im Wunder

    Es gibt Zeiten, in denen sich ein Tag kaum vom nächsten unterscheidet. Dann wünschen wir uns, dass endlich etwas Außergewöhnliches geschieht. Etwas, das unser Leben von Grund auf verändert. Ein Lottogewinn. Endlich eine Lösung für ein Problem, das uns seit Jahren begleitet. Solche Momente sind selten. Doch zieht man einen einzigen außergewöhnlichen Augenblick immer weiter in die Länge, wird er irgendwann ununterscheidbar vom gewöhnlichen Alltag ⎯ wie ein Regenbogen, dessen Konturen so weich werden, dass sie mit dem Himmel verschmelzen. Vielleicht gehen wir tagtäglich durch Wunder hindurch, ohne sie als solche zu erkennen.

    Mein Vater kam nach Deutschland, nachdem er den Jakobsweg nach Santiago de Compostela in 33 Tagen zu Fuß gegangen war. Es war sein erster Besuch in der Stadt, in der ich heute lebe, und ich wollte, dass er von hier Erinnerungen mit nach Hause nimmt, die bleiben. Einer dieser Wünsche war eine Reise in die Dolomiten ⎯ ein Ort, von dem er seit Jahrzehnten geträumt hatte.

    Ich gehöre eigentlich nicht zu den Menschen, die gerne mit einem bis ins Detail geplanten Reiseplan unterwegs sind. Lieber lasse ich Platz für Abenteuer und folge dem, was mir der Zufall unterwegs schenkt. Doch diese Reise war anders. Ich wollte die gemeinsame Zeit für meinen Vater so gut wie möglich gestalten. Wann immer ich einen freien Moment hatte, saß ich über Landkarten, verglich Wanderwege und suchte nach einer noch besseren Route als am Tag zuvor.

    Ich liebe das Reisen. Nur das Packen werde ich wohl nie lieben. Vor jeder Reise beginnt derselbe kleine Kampf: möglichst leicht zu packen und trotzdem auf alles vorbereitet zu sein. Erst gegen zwei Uhr morgens war der Rucksack endlich gepackt. Ein paar Stunden später machte ich mich bereits auf den Weg zum Münchner Hauptbahnhof.

    Doch schon mit den ersten Zug begann alles aus dem Runder zu laufen. Verspätungen zogen eine Kette weiterer Verzögerungen nach sich, eine Reservierung nach der anderen wurde wertlos, und erst als wir bereits unterwegs waren, fiel mir auf, dass ich zwar meinen deutschen Aufenthaltstitel dabeihatte, beim Umräumen in letzter Minute aber den Rucksack mit meinem Reisepass zu Hause gelassen hatte. Nachdem ich mich einen Moment lang gesammelt hatte, blieb nur eins: improvisieren. Freunde machten sich mit meinem Reisepass auf den Weg nach München, und irgendwie schaffte ich es, gerade einmal zehn Sekunden vor Abfahrt in den letzten Direktzug nach Brenner einzusteigen. Ironischerweise hätte ich genau diesen Zug verpasst, wenn er pünktlich gewesen wäre.

    Als wir nach mehreren Zug- und Busfahrten schließlich unsere Unterkunft erreichten, war es fast neun Uhr abends. Draußen regnete es noch immer in Strömen. Fast zwölf Stunden hatten wir allein für die Anreise gebraucht ⎯ ein ganzer Tag unserer viertägigen Reise, noch bevor sie eigentlich begonnen hatte.

    Ich war kurz davor, in Panik zu geraten. Mein Vater dagegen sagte immer wieder: „Alles gut. Das ist doch nicht schlimm.“ Mir tat es unendlich leid. Er war es gewesen, der die lange und anstrengende Reise auf sich genommen hatte, und trotzdem war er es, der mich beruhigte. Es hatte keinen Sinn, dem nachzutrauern, was bereits schiefgelaufen war. Also beschlossen wir, die verbleibende Zeit einfach so gut wie möglich zu genießen.

    In der Nacht, nachdem mein Vater schlafen gegangen war, wurde der Regen noch stärker. Ich schaltete nur eine kleine Lampe ein und schlug das Buch und das Tagebuch auf, die ich mitgebracht hatte. Die Wettervorhersage versprach einen weiteren Tag voller Regen, und natürlich war ich ein wenig enttäuscht. Doch kaum hatte ich das Buch aufgeschlagen, wurde auch mein Inneres ruhiger. In einer fremden kleinen Ortschaft zu lesen und zu schreiben, während draußen der Regen gegen die Fensterscheiben fiel, fühlte sich wie ein kleiner Luxus an.

    Die Wettervorhersage sollte recht behalten. Am nächsten Tag regnete es ohne Unterbrechung. Wir spazierten durch das Dorf, besuchten ein kleines Museum und gingen durch das Vallunga-Tal, dessen niedrigere Lage uns zumindest vor dem Schlimmsten bewahrte. Am Abend kochten wir gemeinsam. Während mein Vater ein langes Bad nahm, schlug ich mein Tagebuch noch einmal auf. Ich ließ die Gespräche des Tages langsam vor meinem inneren Auge vorbeiziehen und beendete den Eintrag schließlich mit einem einzigen Satz.

    „Ob Regen oder Sonnenschein – allein hier mit meinem Vater zu sein, fühlt sich wie ein Wunder an.“

    An unserem letzten Tag in den Dolomiten hörte der Regen auf, als hätte es ihn nie gegeben. Der Sturm vom Vortag hatte hoch oben in den Bergen eine frische Schneeschicht hinterlassen und den Sommer mit einem unerwarteten Hauch von Winter überzogen. Wir wanderten, solange unsere Beine und tragen wollten, und kehrten erst am späten Nachmittag in die Unterkunft zurück.

    Vor dem Abendessen legte sich mein Vater noch für einen kurzen Mittagsschlaf hin, während ich duschte. Mit noch feuchten Haaren setzte ich mich mit meinem Tagebuch und einem Buch auf den Balkon. Zwei Stunden vergingen, ohne dass ich es bemerkte. Sonnenlicht, eine leichte Brise und Vogelstimmen waren alles, was ich brauchte. Den Rest des Nachmittags verbrachte ich damit, die kostenlosen Reisebroschüren, die ich unterwegs gesammelt hatte, auszuschneiden und kleine Collagen daraus zu machen ⎯ und den Luxus eines langsamen Nachmittags auszukosten.

    Ganz gleich, was das Leben bereithält ⎯ das Tagebuch macht die Zeit, die mir geschenkt ist, reicher. Meist schreibe ich einfach auf, wie ich einen weiteren Tag irgendwie zu Ende gebracht habe. Doch wenn ich Monate oder Jahre später zu diesen Seiten zurückkehre, zeigt sich derselbe Tag in einem anderen Licht. Plötzlich wird er Teil eines viel größeren Ganzen.

    Mein Vater ist vor einem Monet nach Südkorea zurückgekehrt. Während ich diesen Essay schreibe, habe ich mien Tagebuch aus den Dolomiten noch einmal aufgeschlagen. Erst jetzt wird mir klar, dass allein die Zeit, die wir dort miteinander verbringten durften, ein Wunder war. Nicht nur an den sonnigen Nachmittagen, sondern auch an den Tagen, an denen der Regen unaufhörlich fiel. An den Tagen, an denen wir um meine Mutter trauerten. Und in all den stillen Momenten, in denen wir uns gegenseitig getragen und gemeinsam einen Tag nach dem anderen durchlebt haben.

    Wunder, deren Konturen damals zu verschwommen waren, um sie zu erkennen.

    Auch heute schreibe ich Verzweiflung und Freunde in mein Tagebuch. In der Hoffnung, dass mein zukünftiges Ich eines Tages zu diesen Seiten zurückkehrt und erkennt, dass auch dieser scheinbar gewöhnliche Tag auf seine eigene Weise von wunderbarer Schönheit war. Rückblickend erscheint es mir bereits erstaunlich, dass mir überhaupt die Zeit geschenkt wurde, all das erleben zu dürfen. Vielleicht befinden wir uns auch jetzt mitten in einem Wunder, ohne es zu bemerken.

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  • In the Midst of a Miracle

    In the Midst of a Miracle

    There are times, amid the repetition of ordinary days, when we find ourselves wishing for something extraordinary to happen. Something that might change our lives all at once. Winning the lottery. Finally solving a problem that has weighed on us for years. Moments like these are rare. But stretch that single extraordinary moment across time, and before long it becomes indistinguishable from ordinary life itself, like a rainbow whose edges have faded until they disappear into the sky. Perhaps we move through miracles every day without recognizing them for what they are.

    My father came to Germany after completing the 33-day Camino de Santiago pilgrimage. It was his first time visiting the city where I now live, and I wanted to fill his stay with memories worth keeping. One of them was a trip to the Dolomities, a place he had dreamed of hiking for decades.

    I’m not someone who enjoys traveling with a carefully planned itinerary. I much prefer leaving room for adventure, following whatever unexpected discoveries the day happens to offer. But this wasn’t just another trip. I felt responsible for making it a meaningful one for my father. Whenever I found a spare moment, I caught myself studying maps, comparing routes, and looking for a better trail than the one I’d found the day before.

    Traveling has always been one of my greatest joys. Packing for it, however, remains one of my greatest miseries. Every trip begins with the same impossible puzzle: how to keep my bag as light as possible while somehow making room for everything I might need. I finally finished packing at two in the morning and left for Munich Central Station a few hours later.

    Then, from the very first train, everything began to unravel. Delays rippled through the schedule, one reservation collapsed after another, and only after setting off did I realize that I had brought my German residence card but had absentmindedly switched bags at the last minute, leaving my passport behind. After a brief moment of panic, I did the only thing I could. I Improvised. Friends rushed to Munich with my passport, and somehow I managed to board the last direct train to Brennero just ten seconds before the doors closed. Ironically, had that train arrived on time, I would have missed it entirely.

    By the time we had changed trains, boarded another bus, and finally reached our accommodation, it was nearly nine in the evening. Rain was still falling in steady sheets. We had spent almost twelve hours simply getting there. A full day of a four-day trip gone before it had really begun.

    I was one the verge of panic, but my father kept reassuring me. “It’s alright,” he said. “It’s no big deal.” I felt terribly guilty. He was the one who had endured the exhausting journey, yet he was the one comforting me. There was no point dwelling on everything that had already gone wrong. All we could do was make the most of the time we still had.

    That night, after my father had gone to bed, the rain grew heavier. I switched on a single lamp and opened the book and journal I had brought with me. The forecast promised another fully day of rain, and I couldn’t help feeling a little disappointed. Yet the moment I opened my book, something inside me softened. In a town I had never been to before, reading and writing with the sound of rain outside felt like a small luxury.

    The forecast turned out to be exactly right. It rained without pause the entire next day. We wandered through the village, visited a small museum, and made our way along the Vallunga Valley, where the lower elevation spared us from the worst of the weather. That evening we cooked dinner together. While my father enjoyed a quiet soak in the bathtub, I opened my journal once again. I slowly replayed the conversations we had shared throughout the day, then ended the entry with a single sentence.

    “Rain or shine, simply being here with my father feels like a miracle.”

    On our last day in the Dolomities, the rain stopped as if it had never existed. The storm from the day before had left a generous layer of snow high in the mountains, laying an unexpected veil of winter over the middle of summer. We walked for as long as our legs were willing to carry us. then returned to the apartment in the late afternoon.

    Before dinner, my father lay down for a short nap while I took a shower. With my hair still damp, I settled onto the balcony with my journal and a book. Two hours slipped by almost unnoticed. Sunlight, a gentle breeze, and birdsong were all the soundtrack I needed. I spent the rest of the afternoon cutting up the free travel brochures I’d collected, turning them into small collages, and lingering in the luxury of an unhurried day.

    No matter what life brings, keeping a journal enriches the time I have been given. Most days, I simply write about how I managed to make it to the end of another day. But when I return to those pages months or years later, that ordinary day reveals itself in an entirely different light, becoming part of a much larger landscape.

    My father returned to South Korea a month ago. While writing this essay, I opened the journal I kept in the Dolomities. Looking back now, I realize that simply sharing those days with him was a miracle. Not only on the bright, sunlit afternoons, but also on the days when rain poured relentlessly, on the days we mourned my mother, and in all the quiet moments when we leaned on each other and carried one another through.

    Miracles whose outlines were too faint to recognize at the time.

    So today, I continue to place both despair and joy into my journal, hoping that one day my future self will return to these pages and discover that this ordinary day, too, was beautiful in the way miracles often are. Looking back, it feels astonishing enough that I was given the chance to live through those moments at all. Perhaps, even now, we are walking through the midst of a miracle.

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  • Atem holen

    Atem holen

    „Warum schreibst du eigentlich Tagebuch?“

    Diese Frage wurde mir unzählige Male gestellt ⎯ vermutlich, weil ich überall ein Notizbuch mit mir herumtrage. Lange wusste ich selbst nicht, wie ich darauf antworten sollte. Sie fühlte sich für mich an, als würde jemand fragen: „Warum atmest du?“ oder „Warum isst du?“

    Seit mehr als dreißig Jahren schreibe ich Tagebuch. Irgendwann haben sich die Jahre ganz leise angesammelt, und das Tagebuchschreiben wurde so selbstverständlich wie das Gehen. Es ist längst keine bewusste Entscheidung mehr, sondern einfach Teil meines Lebens.

    Mein erstes Tagebuch war ein Bildertagebuch. Damals genügte es, mit ein paar einfachen Sätzen und unbeholfenen Zeichnungen festzuhalten, was ich gemacht hatte, wohin ich gegangen war und mit wem ich gespielt hatte. Jedes vollgeschriebene Skizzenbuch erfüllte mich mit einer leisen Freude. Mit den Jahren traten die Zeichnungen immer mehr in den Hintergrund, während die Worte ihren Platz einnahmen. Aus den Skizzenbüchern wurden Notizbücher, und während meiner Schulzeit begann jeder Eintrag mit meinem Tagesplan.

    Die größte Veränderung betraf jedoch nicht den Umfang meiner Einträge, sondern das, was ich festhielt. Irgendwann schrieb ich nicht mehr nur über das, was um mich herum geschah, sondern auch über das, was sich in meinem Inneren abspielte. An manchen Tagen reicht selbst eine ganze Seite nicht aus, um zu begreifen, warum ich so empfand oder was mich tief erschüttert hatte.

    Von da an wurden meine Tagebücher immer länger.

    Mit Anfang zwanzig begann ich, mir immer mehr Fragen über das Leben zu stellen. Wie wollte ich leben? Warum war ich so, wie ich war? Immer wenn diese Fragen zu groß wurden, um sie zu übergehen, zog es mich in die Bibliothek. Ich las in der Hoffnung, dort genau die Einsicht zu finden, die ich in diesem Moment am dringendsten brauchte.

    Immer wieder begegnete ich Sätzen, die sich anfühlten wie Regen auf ausgedörrter Erde. Ich konnte sie nicht einfach zurücklassen. Also schrieb ich sie in mein Tagebuch ⎯ und daneben meine eigenen Gedanken. Nach und nach wurde mein Tagebuch weniger zu einem Protokoll des Tages als zu einem Ort, an dem ich mit dem Leben selbst ins Gespräch kam. Jedes Mal, wenn ich schrieb, hatte ich das Gefühl, wieder etwas tiefer atmen zu können.

    Gedanken und Gefühle, die sich nur schwer nach außen tragen lassen, beginnen auf dem Papier Gestalt anzunehmen. Sie begegnen den Sätzen, die ich aus Büchern mitgebracht habe, vermischen sich mit meinen eigenen Gedanken und werden nach und nach klarer. Wenn ich alles auf das Papier fließen lasse, bleibt am Ende gerade genug Atem für einen weiteren Tag. So wurde mein Tagebuch ganz von selbst zu einer Sauerstoffmaske. Sie war da, wenn mir der Atem stockte, und half mir, wieder zu Atem zu kommen. Wenn mich heute jemand fragt, warum ich seit so vielen Jahren Tagebuch schreibe, würde ich wohl einfach antworten: Um weiter atmen zu können.

    Tagebuch zu schreiben ist für mich ein wilder Garten, für den es nichts weiter braucht als ein Notizbuch und einen Stift. Dort darf alles wachsen, wie es will. Unerwartete Blumen blühen auf. Manchmal wuchert nichts als Unkraut. Und manchmal bleibe ich einfach stehen und beobachte ein namenloses Insekt, das sich irgendwoher dorthin verirrt hat. Dieser Garten musste nie vollkommen sein, um der Ort zu werden, an dem ich mich am wohlsten fühle. Und deshalb werde ich auch weiterhin langsam durch ihn gehen ⎯ und unterwegs die flüchtigen Augenblicke des Lebens bewahren.

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  • Catching My Breath

    Catching My Breath

    “Why do you keep a diary?”

    It’s a question I’ve been asked countless times, perhaps because I carry a notebook with me wherever I go. For years, I never knew quite how to answer it. The question always felt strangely similar to asking, “Why do you breathe?” or “Why do you eat?”

    I’ve been filling notebooks for more than thirty years. Somewhere along the way, the years quietly accumulated, and keeping a diary became as instinctive as walking. It is no longer something I consciously choose to do. It’s simply part of how I move through life.

    My first diary was a picture diary, which I began when I was five years old. Back then, it was enough to write a few simple sentences about what I had done, where I had been, and who I had spent the day with, alongside clumsy little drawings. Each completed sketchbook brought with it a quiet sense of accomplishment.

    As the years passed, the drawings gradually gave way to words. Sketchbooks became notebooks, and once I was in school, each entry began with my schedule for the day.

    But the greatest change wasn’t the length of what I wrote. It was what I chose to record. At some point, I stopped writing only about what had happened and began writing about what had happened within me. There were days when a single page wasn’t enough to understand why I felt the way I did, or what had unsettled me so deeply.

    That was when my diaries began to grow longer.

    Around the age of twenty, I found myself asking more and more questions about life. How should I live? Why was I the way I was? Whenever those questions became too loud to ignore, I wandered the shelves of the library in search of books, hoping to find the wisdom I needed most at that moment.

    Every now and then, I would come across a sentence that felt like rain on parched ground. I couldn’t bear to leave it behind. I copied it into my diary, and beside it, I wrote down whatever thoughts it stirred in me. Little by little, my diary stopped being a record of the day and became a place where I could have a conversation with life itself. Each time I wrote, my breathing seemed to grow just a little deeper.

    Thoughts and emotions that were once too difficult to bring into the open gradually took shape on the page. They met the words I had gathered from books, mingled with my own reflections, and slowly became clearer. Whenever I poured them onto paper, I found myself left with just enough breath to carry me into another day.

    That is how my diary quietly became my oxygen mask. It never breathed for me. It simply helped me find my own breath again. If someone were to ask me why I have kept a diary for so many years, I think my answer would be simple. To keep breathing.

    Keeping a diary is a wild garden that asks for nothing more than a notebook and a pen. It is a place where things are free to grow as they will. Unexpected flowers bloom. Sometimes there is nothing but weeds. At other times, I find myself observing an unfamiliar insect that has wandered in from somewhere beyond the page. It has never needed to be perfect to become the place where I feel most at ease. And so I will keep wandering through that garden, slowly, preserving each passing moment along the way.

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  • Ein Paradies, das nicht verloren geht

    Ein Paradies, das nicht verloren geht

    Wo liegt unser Paradies? Es gab eine Zeit, in der ich glaube, meines läge in den Stunden, die ich mit einem anderen Menschen verbrachte.

    Dann verschwand dieser Mensch. Von einem Tag auf den anderen. Ohne ein Wort. Er verschwand nicht nur aus meinem Leben, sondern aus dem aller Menschen um ihn herum, als hätte er die Welt lautlos verlassen. Zuerst dachte ich, es müsse etwas Dringendes passiert sein. Drei Tage vergingen. Einen Monat später fragte ich mich, ob ihm vielleicht ein Unfall zugestoßen war. Die Jahreszeiten wechselten, und ehe ich mich versah, war ein ganzes Jahr vergangen.

    Ich konnte nichts anderes tun, als mich ganz auf mein Studium zu konzentrieren. Irgendwann unterwegs hatte ich das Lächeln verlernt. Gegen Ende des Jahres fiel es mir selbst unter Menschen schwer, ganz selbstverständlich zu lächeln.

    Fast zwei Jahre später erfuhr ich schließlich, was aus ihm geworden war. Er war in eine andere Region gezogen und nahm an einem Programm teil, das der Suche nach dem eigenen Weg gewidmet war. Offenbar hatte auch er versucht, einen Weg durch die Ungewissheit der Zukunft zu finden ⎯ war gestolpert, hatte gezweifelt und war schließlich auf seine eigene Weise weitergegangen.

    Von einem Tag auf den anderen zu verschwinden. Es war die unmittelbarste Form von Zurückweisung und Verlust, die ich je erlebt hatte. Ein Nebel ohne erkennbaren Ursprung und ohne sichtbaren Horizont. Ich konnte weder erkennen, woher er kam, noch wohin er führte. So verzweifelt ich auch versuchte, ihn zu vertreiben. Er lichtete sich nicht. Mir bleib nichts anderes übrig, als auszuharren.

    Als Einzelkind begann ich, die Zeit, die ich mit einem Menschen außerhalb meiner Familie verbrachte, als eine Art Paradies zu begreifen. Ehe ich mich versah, bedeutete das Zusammensein mehr, als es hätte sollen. Doch als dieser Mensch verschwand, verschwand auch das Paradies, das ich so sorgfältig aufgebaut hatte. In diesem Moment wurde mir klar, dass ein Paradies nichts sein konnte, was ich außerhalb meiner selbst suchte. Es musste etwas sein, das in mir selbst entstand. So begann Private Paradise.

    Im Alltag gibt es immer wieder Momente, in denen wir ganz in etwas versinken und die Wirklichkeit für einen Augenblick hinter uns lassen. Für mich wurden das Schreiben und die Fotografie zu einem Weg zurück zu mir selbst. Das Schreiben wurde zur Hand, die sich durch den Nebel tastete. Wenn Worte nicht mehr ausreichten, um das auszudrücken, was ich fühlte, fanden diese Gefühle ihren Weg in Zeichnungen. Und wann immer ich einer Landschaft begegnete, zu der ich eines Tages zurückkehren und in der ich wieder zur Ruhe kommen wollte, hielt ich sie in einer Fotografie fest. Ich liebte die Stille hinter der Kamera. Mit der Zeit wurden aus all diesen Fragmenten 2015 meine erste Ausstellung. Einige Jahre später entstand daraus ein Buch. Bis heute wächst das Projekt weiter und findet mit jedem Jahr neue Formen.

    Ich möchte ein Leben führen, in dem ich ganz aufgehen kann. Ein Leben mit seinem eigenen Rhythmus. Eines, in dem Alltag und kreatives Arbeiten ganz selbstverständlich ineinanderfließen und ich meinen eigenen Atem im Takt der Welt wiederfinde. Heute schätze ich den fortwährenden Prozess des Suchens, Fragens und Weitergehens. Es erfüllt mich mit Freude zu wissen, dass mein Paradies nicht am Ende eines Weges auf mich wartet, sondern in jedem Augenblick tiefer Hingabe liegt. Es gab eine Zeit, in der ich glaubte, ein Paradies könne nur mit einem anderen Menschen existieren. Heute weiß ich, dass das Paradies, das ich in mir selbst kultiviert habe, niemals verloren gehen kann.

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  • Where Paradise Remains

    Where Paradise Remains

    Where do we keep our paradise? There was a time when I believed mine existed in the hours I shared with someone else.

    Then, one day, the person I was seeing disappeared. Without a word. He vanished not only from my life, but from everyone else’s as well, as though he had stepped out of the world. At first, I assumed something urgent had happened. Three days passed. A month later, I began to wonder if he had been in an accident. The seasons changed, and before long, a year had passed.

    There was little I could do except throw myself into my studies. Somewhere along the way, I forgot how to smile. By the end of the year, even when I was surrounded by other people, smiling no longer came naturally.

    It was nearly two years later that I finally heard what had become of him. He had moved to another part of the country and was taking part in a program centered on self-discovery. It seemed he, too, had been trying to find a way through the uncertainty of the future, stumbling, searching, and eventually making his way forward in their own way.

    Disappearing without a word. The most direct rejection and loss I had ever known. A fog with no clear origin and no visible horizon. I couldn’t see what had caused it, nor where it would lead. No matter how desperately I tried to sweep it away, the fog refused to lift. There was nothing I could do except remain inside it.

    Growing up as an only child, I came to think of the time I shared with someone outside my family as a kind of paradise. Before long, being together began to carry more meaning than it should have. But when that person disappeared, the paradise I had so carefully built vanished with them. That was when I realized that paradise could not be something I placed outside myself. It had to be something I built within. That is where the name Private Paradise was born.

    There are always moments in everyday life that allow us to lose ourselves, if only for a while. For me, writing and photography became the ways back. Writing became the hand that reached through the fog. When words could no longer carry what I felt, those feelings found their way into drawings instead. And whenever I came across a place I knew I would one day want to return to and rest within, I kept it in a photograph. I loved the silence that came with standing behind the camera. Over time, those fragments became my first exhibition in 2015. A few years later, they became a book. The project continues to grow today, taking on new forms with each passing year.

    I want to build a life I can lose myself in. A life with its own rhythm. One where everyday life and creative work flow naturally into each other, allowing me to move through the world in step with my own breath. I have come to cherish that ongoing process of searching, questioning, and finding my way. It brings me joy to know that my paradise does not wait at the end of the journey, but exists in every moment of deep absorption along the way. There was a time when I believed paradise could only exist with someone else. Now I know that the paradise I have cultivated within myself is one that can never be lost.

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