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chaelinjane

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Mitten im Wunder

In the Midst of a Miracle

Es gibt Zeiten, in denen sich ein Tag kaum vom nächsten unterscheidet. Dann wünschen wir uns, dass endlich etwas Außergewöhnliches geschieht. Etwas, das unser Leben von Grund auf verändert. Ein Lottogewinn. Endlich eine Lösung für ein Problem, das uns seit Jahren begleitet. Solche Momente sind selten. Doch zieht man einen einzigen außergewöhnlichen Augenblick immer weiter in die Länge, wird er irgendwann ununterscheidbar vom gewöhnlichen Alltag ⎯ wie ein Regenbogen, dessen Konturen so weich werden, dass sie mit dem Himmel verschmelzen. Vielleicht gehen wir tagtäglich durch Wunder hindurch, ohne sie als solche zu erkennen.

Mein Vater kam nach Deutschland, nachdem er den Jakobsweg nach Santiago de Compostela in 33 Tagen zu Fuß gegangen war. Es war sein erster Besuch in der Stadt, in der ich heute lebe, und ich wollte, dass er von hier Erinnerungen mit nach Hause nimmt, die bleiben. Einer dieser Wünsche war eine Reise in die Dolomiten ⎯ ein Ort, von dem er seit Jahrzehnten geträumt hatte.

Ich gehöre eigentlich nicht zu den Menschen, die gerne mit einem bis ins Detail geplanten Reiseplan unterwegs sind. Lieber lasse ich Platz für Abenteuer und folge dem, was mir der Zufall unterwegs schenkt. Doch diese Reise war anders. Ich wollte die gemeinsame Zeit für meinen Vater so gut wie möglich gestalten. Wann immer ich einen freien Moment hatte, saß ich über Landkarten, verglich Wanderwege und suchte nach einer noch besseren Route als am Tag zuvor.

Ich liebe das Reisen. Nur das Packen werde ich wohl nie lieben. Vor jeder Reise beginnt derselbe kleine Kampf: möglichst leicht zu packen und trotzdem auf alles vorbereitet zu sein. Erst gegen zwei Uhr morgens war der Rucksack endlich gepackt. Ein paar Stunden später machte ich mich bereits auf den Weg zum Münchner Hauptbahnhof.

Doch schon mit den ersten Zug begann alles aus dem Runder zu laufen. Verspätungen zogen eine Kette weiterer Verzögerungen nach sich, eine Reservierung nach der anderen wurde wertlos, und erst als wir bereits unterwegs waren, fiel mir auf, dass ich zwar meinen deutschen Aufenthaltstitel dabeihatte, beim Umräumen in letzter Minute aber den Rucksack mit meinem Reisepass zu Hause gelassen hatte. Nachdem ich mich einen Moment lang gesammelt hatte, blieb nur eins: improvisieren. Freunde machten sich mit meinem Reisepass auf den Weg nach München, und irgendwie schaffte ich es, gerade einmal zehn Sekunden vor Abfahrt in den letzten Direktzug nach Brenner einzusteigen. Ironischerweise hätte ich genau diesen Zug verpasst, wenn er pünktlich gewesen wäre.

Als wir nach mehreren Zug- und Busfahrten schließlich unsere Unterkunft erreichten, war es fast neun Uhr abends. Draußen regnete es noch immer in Strömen. Fast zwölf Stunden hatten wir allein für die Anreise gebraucht ⎯ ein ganzer Tag unserer viertägigen Reise, noch bevor sie eigentlich begonnen hatte.

Ich war kurz davor, in Panik zu geraten. Mein Vater dagegen sagte immer wieder: „Alles gut. Das ist doch nicht schlimm.“ Mir tat es unendlich leid. Er war es gewesen, der die lange und anstrengende Reise auf sich genommen hatte, und trotzdem war er es, der mich beruhigte. Es hatte keinen Sinn, dem nachzutrauern, was bereits schiefgelaufen war. Also beschlossen wir, die verbleibende Zeit einfach so gut wie möglich zu genießen.

In der Nacht, nachdem mein Vater schlafen gegangen war, wurde der Regen noch stärker. Ich schaltete nur eine kleine Lampe ein und schlug das Buch und das Tagebuch auf, die ich mitgebracht hatte. Die Wettervorhersage versprach einen weiteren Tag voller Regen, und natürlich war ich ein wenig enttäuscht. Doch kaum hatte ich das Buch aufgeschlagen, wurde auch mein Inneres ruhiger. In einer fremden kleinen Ortschaft zu lesen und zu schreiben, während draußen der Regen gegen die Fensterscheiben fiel, fühlte sich wie ein kleiner Luxus an.

Die Wettervorhersage sollte recht behalten. Am nächsten Tag regnete es ohne Unterbrechung. Wir spazierten durch das Dorf, besuchten ein kleines Museum und gingen durch das Vallunga-Tal, dessen niedrigere Lage uns zumindest vor dem Schlimmsten bewahrte. Am Abend kochten wir gemeinsam. Während mein Vater ein langes Bad nahm, schlug ich mein Tagebuch noch einmal auf. Ich ließ die Gespräche des Tages langsam vor meinem inneren Auge vorbeiziehen und beendete den Eintrag schließlich mit einem einzigen Satz.

„Ob Regen oder Sonnenschein – allein hier mit meinem Vater zu sein, fühlt sich wie ein Wunder an.“

An unserem letzten Tag in den Dolomiten hörte der Regen auf, als hätte es ihn nie gegeben. Der Sturm vom Vortag hatte hoch oben in den Bergen eine frische Schneeschicht hinterlassen und den Sommer mit einem unerwarteten Hauch von Winter überzogen. Wir wanderten, solange unsere Beine und tragen wollten, und kehrten erst am späten Nachmittag in die Unterkunft zurück.

Vor dem Abendessen legte sich mein Vater noch für einen kurzen Mittagsschlaf hin, während ich duschte. Mit noch feuchten Haaren setzte ich mich mit meinem Tagebuch und einem Buch auf den Balkon. Zwei Stunden vergingen, ohne dass ich es bemerkte. Sonnenlicht, eine leichte Brise und Vogelstimmen waren alles, was ich brauchte. Den Rest des Nachmittags verbrachte ich damit, die kostenlosen Reisebroschüren, die ich unterwegs gesammelt hatte, auszuschneiden und kleine Collagen daraus zu machen ⎯ und den Luxus eines langsamen Nachmittags auszukosten.

Ganz gleich, was das Leben bereithält ⎯ das Tagebuch macht die Zeit, die mir geschenkt ist, reicher. Meist schreibe ich einfach auf, wie ich einen weiteren Tag irgendwie zu Ende gebracht habe. Doch wenn ich Monate oder Jahre später zu diesen Seiten zurückkehre, zeigt sich derselbe Tag in einem anderen Licht. Plötzlich wird er Teil eines viel größeren Ganzen.

Mein Vater ist vor einem Monet nach Südkorea zurückgekehrt. Während ich diesen Essay schreibe, habe ich mien Tagebuch aus den Dolomiten noch einmal aufgeschlagen. Erst jetzt wird mir klar, dass allein die Zeit, die wir dort miteinander verbringten durften, ein Wunder war. Nicht nur an den sonnigen Nachmittagen, sondern auch an den Tagen, an denen der Regen unaufhörlich fiel. An den Tagen, an denen wir um meine Mutter trauerten. Und in all den stillen Momenten, in denen wir uns gegenseitig getragen und gemeinsam einen Tag nach dem anderen durchlebt haben.

Wunder, deren Konturen damals zu verschwommen waren, um sie zu erkennen.

Auch heute schreibe ich Verzweiflung und Freunde in mein Tagebuch. In der Hoffnung, dass mein zukünftiges Ich eines Tages zu diesen Seiten zurückkehrt und erkennt, dass auch dieser scheinbar gewöhnliche Tag auf seine eigene Weise von wunderbarer Schönheit war. Rückblickend erscheint es mir bereits erstaunlich, dass mir überhaupt die Zeit geschenkt wurde, all das erleben zu dürfen. Vielleicht befinden wir uns auch jetzt mitten in einem Wunder, ohne es zu bemerken.

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