„Warum schreibst du eigentlich Tagebuch?“
Diese Frage wurde mir unzählige Male gestellt ⎯ vermutlich, weil ich überall ein Notizbuch mit mir herumtrage. Lange wusste ich selbst nicht, wie ich darauf antworten sollte. Sie fühlte sich für mich an, als würde jemand fragen: „Warum atmest du?“ oder „Warum isst du?“
Seit mehr als dreißig Jahren schreibe ich Tagebuch. Irgendwann haben sich die Jahre ganz leise angesammelt, und das Tagebuchschreiben wurde so selbstverständlich wie das Gehen. Es ist längst keine bewusste Entscheidung mehr, sondern einfach Teil meines Lebens.
Mein erstes Tagebuch war ein Bildertagebuch. Damals genügte es, mit ein paar einfachen Sätzen und unbeholfenen Zeichnungen festzuhalten, was ich gemacht hatte, wohin ich gegangen war und mit wem ich gespielt hatte. Jedes vollgeschriebene Skizzenbuch erfüllte mich mit einer leisen Freude. Mit den Jahren traten die Zeichnungen immer mehr in den Hintergrund, während die Worte ihren Platz einnahmen. Aus den Skizzenbüchern wurden Notizbücher, und während meiner Schulzeit begann jeder Eintrag mit meinem Tagesplan.
Die größte Veränderung betraf jedoch nicht den Umfang meiner Einträge, sondern das, was ich festhielt. Irgendwann schrieb ich nicht mehr nur über das, was um mich herum geschah, sondern auch über das, was sich in meinem Inneren abspielte. An manchen Tagen reicht selbst eine ganze Seite nicht aus, um zu begreifen, warum ich so empfand oder was mich tief erschüttert hatte.
Von da an wurden meine Tagebücher immer länger.
Mit Anfang zwanzig begann ich, mir immer mehr Fragen über das Leben zu stellen. Wie wollte ich leben? Warum war ich so, wie ich war? Immer wenn diese Fragen zu groß wurden, um sie zu übergehen, zog es mich in die Bibliothek. Ich las in der Hoffnung, dort genau die Einsicht zu finden, die ich in diesem Moment am dringendsten brauchte.
Immer wieder begegnete ich Sätzen, die sich anfühlten wie Regen auf ausgedörrter Erde. Ich konnte sie nicht einfach zurücklassen. Also schrieb ich sie in mein Tagebuch ⎯ und daneben meine eigenen Gedanken. Nach und nach wurde mein Tagebuch weniger zu einem Protokoll des Tages als zu einem Ort, an dem ich mit dem Leben selbst ins Gespräch kam. Jedes Mal, wenn ich schrieb, hatte ich das Gefühl, wieder etwas tiefer atmen zu können.
Gedanken und Gefühle, die sich nur schwer nach außen tragen lassen, beginnen auf dem Papier Gestalt anzunehmen. Sie begegnen den Sätzen, die ich aus Büchern mitgebracht habe, vermischen sich mit meinen eigenen Gedanken und werden nach und nach klarer. Wenn ich alles auf das Papier fließen lasse, bleibt am Ende gerade genug Atem für einen weiteren Tag. So wurde mein Tagebuch ganz von selbst zu einer Sauerstoffmaske. Sie war da, wenn mir der Atem stockte, und half mir, wieder zu Atem zu kommen. Wenn mich heute jemand fragt, warum ich seit so vielen Jahren Tagebuch schreibe, würde ich wohl einfach antworten: Um weiter atmen zu können.
Tagebuch zu schreiben ist für mich ein wilder Garten, für den es nichts weiter braucht als ein Notizbuch und einen Stift. Dort darf alles wachsen, wie es will. Unerwartete Blumen blühen auf. Manchmal wuchert nichts als Unkraut. Und manchmal bleibe ich einfach stehen und beobachte ein namenloses Insekt, das sich irgendwoher dorthin verirrt hat. Dieser Garten musste nie vollkommen sein, um der Ort zu werden, an dem ich mich am wohlsten fühle. Und deshalb werde ich auch weiterhin langsam durch ihn gehen ⎯ und unterwegs die flüchtigen Augenblicke des Lebens bewahren.
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