Wo liegt unser Paradies? Es gab eine Zeit, in der ich glaube, meines läge in den Stunden, die ich mit einem anderen Menschen verbrachte.
Dann verschwand dieser Mensch. Von einem Tag auf den anderen. Ohne ein Wort. Er verschwand nicht nur aus meinem Leben, sondern aus dem aller Menschen um ihn herum, als hätte er die Welt lautlos verlassen. Zuerst dachte ich, es müsse etwas Dringendes passiert sein. Drei Tage vergingen. Einen Monat später fragte ich mich, ob ihm vielleicht ein Unfall zugestoßen war. Die Jahreszeiten wechselten, und ehe ich mich versah, war ein ganzes Jahr vergangen.
Ich konnte nichts anderes tun, als mich ganz auf mein Studium zu konzentrieren. Irgendwann unterwegs hatte ich das Lächeln verlernt. Gegen Ende des Jahres fiel es mir selbst unter Menschen schwer, ganz selbstverständlich zu lächeln.
Fast zwei Jahre später erfuhr ich schließlich, was aus ihm geworden war. Er war in eine andere Region gezogen und nahm an einem Programm teil, das der Suche nach dem eigenen Weg gewidmet war. Offenbar hatte auch er versucht, einen Weg durch die Ungewissheit der Zukunft zu finden ⎯ war gestolpert, hatte gezweifelt und war schließlich auf seine eigene Weise weitergegangen.
Von einem Tag auf den anderen zu verschwinden. Es war die unmittelbarste Form von Zurückweisung und Verlust, die ich je erlebt hatte. Ein Nebel ohne erkennbaren Ursprung und ohne sichtbaren Horizont. Ich konnte weder erkennen, woher er kam, noch wohin er führte. So verzweifelt ich auch versuchte, ihn zu vertreiben. Er lichtete sich nicht. Mir bleib nichts anderes übrig, als auszuharren.
Als Einzelkind begann ich, die Zeit, die ich mit einem Menschen außerhalb meiner Familie verbrachte, als eine Art Paradies zu begreifen. Ehe ich mich versah, bedeutete das Zusammensein mehr, als es hätte sollen. Doch als dieser Mensch verschwand, verschwand auch das Paradies, das ich so sorgfältig aufgebaut hatte. In diesem Moment wurde mir klar, dass ein Paradies nichts sein konnte, was ich außerhalb meiner selbst suchte. Es musste etwas sein, das in mir selbst entstand. So begann Private Paradise.
Im Alltag gibt es immer wieder Momente, in denen wir ganz in etwas versinken und die Wirklichkeit für einen Augenblick hinter uns lassen. Für mich wurden das Schreiben und die Fotografie zu einem Weg zurück zu mir selbst. Das Schreiben wurde zur Hand, die sich durch den Nebel tastete. Wenn Worte nicht mehr ausreichten, um das auszudrücken, was ich fühlte, fanden diese Gefühle ihren Weg in Zeichnungen. Und wann immer ich einer Landschaft begegnete, zu der ich eines Tages zurückkehren und in der ich wieder zur Ruhe kommen wollte, hielt ich sie in einer Fotografie fest. Ich liebte die Stille hinter der Kamera. Mit der Zeit wurden aus all diesen Fragmenten 2015 meine erste Ausstellung. Einige Jahre später entstand daraus ein Buch. Bis heute wächst das Projekt weiter und findet mit jedem Jahr neue Formen.
Ich möchte ein Leben führen, in dem ich ganz aufgehen kann. Ein Leben mit seinem eigenen Rhythmus. Eines, in dem Alltag und kreatives Arbeiten ganz selbstverständlich ineinanderfließen und ich meinen eigenen Atem im Takt der Welt wiederfinde. Heute schätze ich den fortwährenden Prozess des Suchens, Fragens und Weitergehens. Es erfüllt mich mit Freude zu wissen, dass mein Paradies nicht am Ende eines Weges auf mich wartet, sondern in jedem Augenblick tiefer Hingabe liegt. Es gab eine Zeit, in der ich glaubte, ein Paradies könne nur mit einem anderen Menschen existieren. Heute weiß ich, dass das Paradies, das ich in mir selbst kultiviert habe, niemals verloren gehen kann.
*Auch verfügbar auf:
*Weiterlesen:


