67,66 km durch das Waldnaabtal, Falkenberg und Tirschenreuth bis zum Campingplatz in Naab
Um neun Uhr morgens hatten wir bereits alles zusammengepackt, bevor wir uns zum Frühstück ins Hotelrestaurant begaben. Das Zelt und die Kleidung, die wir am Vorabend im Badezimmer zum Trocknen aufgehängt hatten, waren wieder vollständig trocken. Auch das Frühstücksbuffet für 15 Euro übertraf unsere Erwartungen. Es war einer dieser Morgen, an denen einfach alles zu passen schien.
Doch dann machte sich ein Problem bemerkbar. Bei jedem Schlucken spürte ich einen unangenehmen, stechenden Schmerz tief im Hals. Vielleicht hatte mich die gestrige Fahrt durch den Dauerregen doch mehr mitgenommen, als ich gedacht hatte. Wenn meine Mandeln erst einmal anschwellen würden, kämen vermutlich bald Fieber und Gliederschmerzen hinzu.
Ich trank warmen Tee, um meinen Hals zu beruhigen, und überlegte, was wir tun sollten. Sollte ich die Reise hier abbrechen oder weiterfahren?
Marco meinte, ich solle mich auf keinen Fall überanstrengen. Wenn es mir nicht gut gehe, könnten wir jederzeit mit dem Zug nach Hause fahren. Aber ich brachte es einfach nicht übers Herz, unsere Tour schon jetzt zu beenden. Also beschlossen wir, zunächst in einer Apotheke Medikamente zu besorgen und bis zum nächsten Ort mit Bahnhof zu radeln. Dort wollte ich je nach meinem Befinden entscheiden, wie es weitergehen sollte.
In der Apotheke kaufte ich neo-angin, isla cassis Halspastillen und eine Gurgellösung. Die unerwarteten 33 Euro ärgerten mich ein wenig, doch mit der Zeit ging es mir zu meiner eigenen Überraschung deutlich besser.
So erreichten wir Windischeschenbach, einen Ort mit Bahnhof. Auf unserer geplanten Strecke war dies die letzte Gelegenheit, mit dem Zug nach Hause zurückzukehren. Sobald wir weiter nach Norden fuhren, würde eine Rückreise wesentlich schwieriger werden, falls sich mein Zustand verschlechterte.
Ich traf meine Entscheidung. Ich wollte meinem Körper noch ein bisschen mehr vertrauen.

Waldnaabtal: Wälder und Schluchten der nördlichen Oberpfalz
Vor rund 300 Millionen Jahren wirkten gewaltige geologische Kräfte auf das Gebiet ein, das heute den Nordosten Bayerns und den Westen Tschechiens umfasst. Kontinentalplatten stießen zusammen, Gebirge entstanden und heißes Magma drang tief in die Erdkruste ein. Dort kühlte es über einen langen Zeitraum langsam ab und erstarrte zu festem Granit.
In den darauffolgenden Jahrmillionen trugen Regen, Wind und fließendes Wasser die darüberliegenden Gesteinsschichten nach und nach ab. Der Granit, der lange Zeit tief unter der Erde verborgen gelegen hatte, kam allmählich zum Vorschein. Zwischen diesen uralten Felsen bahnte sich die Waldnaab ihren Weg und formte ein Tal. Das Wasser schliff die rauen Oberflächen der Steine rund und schuf über unvorstellbar lange Zeiträume jene Landschaft, die wir heute sehen.

Als wir das Naturschutzgebiet Waldnaabtal erreichten, eröffnete sich uns eine Landschaft, in der die Zeit stillzustehen schien. Sonnenlicht fiel vereinzelt durch das dichte Blätterdach und tauchte den schattigen Wald in einen sanften Schimmer. Der Fluss schlängelte sich zwischen mächtigen Felsblöcken hindurch, während moosbewachsene Steine die Stille vergangener Jahrmillionen in sich zu tragen schienen. Es fühlte sich beinahe unwirklich an, mit dem Fahrrad zwischen Granitformationen hindurchzufahren, die schon lange vor den Dinosauriern existiert hatten. Hätte ich die Reise an diesem Morgen wegen meines angeschlagenen Gesundheitszustands aufgegeben, wäre mir dieser Wald heute entgangen.
Auf den etwa sieben Kilometern durch den Wald hielt ich immer wieder an. Am liebsten hätte ich mich irgendwo zwischen die Bäume gesetzt und ein Buch gelesen, und sie es nur für eine halbe Stunde.
Wenn ich einen einzigen Ort nennen müsste, der mir von dieser Reise am längsten in Erinnerung bleiben wird, wäre es wohl dieser Wald.
Falkenberg: Eine Burg auf Granit
Wir folgten der Waldnaab weiter nach Norden und erreichten das kleine Falkenberg. Mitten im Ort erhebt sich ein gewaltiger Granitfelsen über die umliegenden Häuser. Auf seinem Gipfel thront die Burg Falkenberg, deren Geschichte bis ins 11. Jahrhundert zurückreicht.
Wir stellten unsere Fahrräder ab, in der Hoffnung, irgendwo unsere Wasserflaschen auffüllen zu können. Gleichzeitig war ich neugierig auf die Burg und ging deshalb zum Eingang, um die Informationstafel zu lesen. Zu meiner Überraschung wird das historische Gebäude bis heute auf vielfältige Weise genutzt: als Veranstaltungsort für Konzerte, Ausstellungen und andere kulturelle Ereignisse, aber auch als Unterkunft für Übernachtungsgäste.

Während wir beide etwas neugierig vor dem Eingang herumstanden, kam ein Mitarbeiter aus der Tür. Wir fragten, ob wir unsere Flaschen mit Leitungswasser auffüllen dürften. Freundlicherweise zeigte er uns das gegenüberliegende Gebäude.
Später erfuhr ich, dass engagierte Bürger bereits 1990 den gemeinnützigen Verein „Forum Falkenberg – Freunde der Burg e. V.“ gegründet hatten und sich seitdem für das kulturelle Leben rund um die Burg einsetzen. Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten wurde sie 2015 wiedereröffnet und bietet seither Raum für Konzerte, Ausstellungen und verschiedenste Veranstaltungen.
Durch die Burg Falkenberg ist ein kleiner Ort mit rund 3.700 Einwohnern auf besondere Weise mit der Außenwelt verbunden. Ich stellte mir vor, wie Musik zwischen den alten Steinmauern widerhallt und Menschen zusammenkommen, um Geschichten auszutauschen.
Wie es sich wohl anfühlt, eine Nacht in einer Burg zu verbringen? Heute stehen in der Burg Falkenberg acht Gästezimmer zur Verfügung, die sich in ihrer Raumaufteilung und Aussicht unterscheiden. Wer auf Reisen nach einer etwas außergewöhnlichen Unterkunft sucht, findet weitere Informationen auf der offiziellen Website des Hotels Burg Falkenberg.
Tirschenreuth: Das Land der tausend Teiche
Wir stiegen wieder auf unsere Fahrräder und fuhren in Richtung Tirschenreuth. Nach einer Weile entdeckte ich in der Ferne eine auffällige Konstruktion. Ein Gerüst aus Stahl ragte hoch in den Himmel. Es war die Himmelsleiter, deren Name kaum einer Erklärung bedarf.
Zunächst fuhren wir einfach daran vorbei. Doch kurz darauf drehte ich um, weil ich das Gefühl hatte, es später zu bereuen, wenn ich nicht hinaufsteigen würde.
Stufe für Stufe ging ich die durchbrochene Stahltreppe hinauf. Durch die Gitterstufen konnte ich den Boden unter meinen Füßen sehen, und bei jedem Schritt wurden meine Beine etwas wackeliger. Als ich die Aussichtsplattform des rund zwanzig Meter hohen Turms erreichte, eröffnete sich mir ein völlig unerwarteter Anblick. Ich bemühte mich, nicht nach unten zu schauen, und ließ meinen Blick über die vielen Teiche schweifen, die wie ein Mosaik in der Landschaft verteilt lagen. Mein Herz klopfte noch immer heftig.

Von oben die Gegend ganz anders aus als vom Fahrrad aus. Die Region um Tirschenreuth blickt auf eine lange Tradition der Teichwirtschaft zurück. Bereits im Mittelalter legten Klöster und Dorfgemeinschaften Teiche zur Fischzucht an. Vor allem die Karpfenzucht entwickelte sich zu einem wichtigen Wirtschaftszweig. Auch die religiösen Fastengebote, die den Verzehr von Fleisch einschränkten, trugen zur Verbreitung der Süßwasserflischzucht bei.
Heute gibt es im Landkreis Tirschenreuth rund 4.700 Fischteiche unterschiedlicher Größe. Kein Wunder also, dass die Gegend als „Land der 1000 Teiche“ bekannt ist. Auch der Vizinalbahn-Radweg, auf dem wir unterwegs waren, hat eine interessante Geschichte. Teile der Strecke verlaufen auf einer ehemaligen Bahntrasse.
Als ich die langgezogene Stahlkonstruktion der Himmelsleiter betrachtete, hatte ich für einen Moment den Eindruck, als wäre eine alte Eisenbahnstrecke aus dem Boden gewachsen und hätte sich in einen Aussichtsturm verwandelt.
Ein Stück weiter als geplant
Eigentlich hatten wir vorgehabt, unsere Tagesetappe irgendwo in der Nähe von Tirschenreuth zu beenden. Doch am Nachmittag hatten die Halsschmerzen merklich nachgelassen, und ich fühlte mich viel besser als erwartet. Also beschlossen wir, noch so weit wie möglich in Richtung der Waldnaabquelle zu fahren.
Bei unserer Suche fanden wir einen Campingplatz in Naab, einem kleinen Dorf bei Bärnau, unweit der tschechischen Grenze. Da wir erst am selben Tag anfragten, war keineswegs sicher, ob noch ein Stellplatz frei wein würde. Trotzdem schickten wir eine Nachricht.
Kurz darauf kam die Antwort. Wir konnten gerne noch am selben Abend kommen. Außerdem wurde uns mitgeteilt, dass abends ein Lagerfeuer geplant sei. Wir sollten doch etwas zum Grillen mitbringen.
Teufelhof Naab: Camping im Hof des Teufels
Auf dem Weg zum Campingplatz hielten wir bei einem diska-Supermarkt, um Lebensmittel für das Abendessen und das Frühstück am nächsten Morgen einzukaufen. Naab ist ein kleines Dorf in ländlicher Umgebung, nicht weit von er tschechischen Grenze entfernt. Hier betreibt die Familie Grödl einen kleinen Campingplatz namens Teufelhof Naab.
Als wir ankamen, wurden wir von Christian, Katrin und den anderen Gästen herzlich begrüßt. Wir durften unser Zelt auf er Wiese aufstellen, wo immer es uns gefiel. Also sahen wir uns erst einmal auf dem Gelände um und suchten nach einem geeigneten Platz. Unsere Wahl fiel auf eine Stelle, von der aus wir zwischen den Bäumen hindurch auf die Weide blicken konnten.
Jedes Mal, wenn wir nach einer langen Fahrt die Fahrräder abstellen und unser Zelt aufbauen, wird mir erst richtig bewusst, dass die Tagesetappe geschafft ist. Auch der Name des Campingplatzes war ungewöhnlich.

Passend zum Namen des Campingplatzes gibt es im nahe gelegenen Wald tatsächlich einen Felsen, um den sich eine alte Teufelssage rankt. Der Überlieferung nach saß der Teufel einst auf einem Stein mitten im Wald und versprach den Menschen Geld und Glück, wenn sie ihm dafür ihre Seelen überließen. Selbst nachdem er verschwunden war, sollen auf dem Felsen noch die Vertiefung seines Sitzplatzes und Abdrücke zu erkennen gewesen sein, die an Hufspuren erinnerten.
Am Abend versammelten sich die Betreiberfamilie und die Gäste um ein Feuer. Eine der anderen Camperinnen grillte einen Fisch, den sie selbst gefangen hatte. Wir steckten Würstchen und Paprikastücke auf angespitzte Holzstöcke und hielten sie über die Flammen. Als alles schön durchgegart war, legten wir die Zutaten in Brötchen. Es wurde ein wunderbares Abendessen.
Auf dem Campingplatz stand außerdem ein Kühlschrank mit Bier und anderen Getränken bereit. Das Ganze funktionierte auf Vertrauensbasis: Man nahm sich, was man wollte, und hinterließ dafür einen angemessenen Betrag. Ein kühles Bier schmeckte besonders gut, während der Duft von brennendem Holz in der Luft lag. Die Gespräche dauerten bis tief in die Nacht an, und allmählich legte sich ein feiner Nebelschleier über den Campingplatz.
Noch am Morgen hatte ich befürchtet, unsere Reise abbrechen zu müssen. Nun saß ich mit anderen Menschen in einem winzigen Dorf nahe der tschechischen Grenze. Es war ein seltsames Gefühl, wenn ich daran dachte, wie sich dieser Tag entwickelt hatte.
An diesem Tag hatten wir insgesamt 822 Höhenmeter überwunden. Noch nie zuvor hatte ich an einem einzigen Tag mit dem Fahrrad so viele Höhenmeter zurückgelegt. Statt bei den ersten Schwierigkeiten einfach aufzugeben, hatte ich aufmerksam auf meinen Körper gehört und war Stück für Stück weitergefahren.
Morgen würden wir endlich das letzte Ziel unserer Reise errichen: die Quelle der Waldnaab. Nachdem wir drei Tage lang dem Fluss entgegen seiner Strömung gefolgt waren, fragte ich mich, wie wohl der Ort aussehen würde, an dem alles beginnt.
