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Tag: Ausstellung

  • Ein Tagebuch, das zu einem Kunstwerk heranwächst

    Ein Tagebuch, das zu einem Kunstwerk heranwächst

    Seit letztem Jahr fülle ich meine Tagebücher mit der Haltung, als würden sie eines Tages veröffentlicht werden. Ich verwende Buchstaben und Bilder aus gedruckten Materialien, eigene Texte und Zeichnungen, Masking Tape und Sticker. Der Prozess ähnelt der Aufnahme einer Improvisation, genau in dem Moment, in dem sie entsteht. Statt mit einem ausgefeilten Layout zu beginnen, lasse ich zuerst meine Hände arbeiten. So bleibt der Rhythmus des Tages auf der Seite zurück. Es fühlt sich an, als würde ich nach und nach, in Echtzeit, ein Magazin über mein eigenes Leben gestalten. Die erste Edition habe ich shcließlich tatsächlich eingescannt und jeweils zwei Seiten öffentlich geteilt.

    Als ich die erste Edition beendet hatte, waren fünfzehn Tage vergangen, seit ich meine Mutter hatte gehen lassen. Etwa zehn Prozent des Notizbuchs waren noch leer, doch in den folgenden zwei Monaten konnte ich überhaupt nicht mehr Tagebuch schreiben.

    Eines Tages stieß ich beim Streifzug durch eine Buchhandlung auf ein Notizbuch, das mich sofort anzog. Es gehörte zur Notizbuch-Reihe der Insel-Bücherei. Es war kleiner als das Tagebuch, das ich aus Korea mitgebracht hatte, und fast fünfmal so teuer. Doch sein Design erinnerte mich an die gebundenen Bücher der Insel-Bücherei, die ich schon lange mochte. Außerdem wirkte es nicht wie ein einzelnes Notizbuch, bei dem es bei einem Band bleiben würde, sondern wie etwas, das ich im gleichen Format weiter sammeln und mit der Zeit zu einer Reihe anwachsen lassen könnte. Die Energie dieses neuen Notizbuchs half mir, Ende April wieder mit dem Schreiben zu beginnen. Ich versuchte, den unterbrochenen Rhythmus wieder aufzunehmen. Jedes Mal, wenn ich es aufschlug, hatte ich das Gefühl, selbst an einem Buch zu schreiben. Dieses Gefühl ließ mich noch tiefer in die Seiten eintauchen.

    Bevor ich mich wirklich entschied, Tagebücher zu schreiben, die eines Tages öffentlich gezeigt werden könnten, hatte ich bereits einmal bei einer kleinen Buchmesse in Korea eines meiner Tagebücher ausgestellt. Dort stellte ich Private Paradise vor, mein erstes selbstverlegtes Buch, das aus meinen Tagebuchaufzeichnungen entstanden war. Das Originaltagebuch nahm ich mit, weil ich dachte, es könnte dem Buch eine stärkere Wahrhaftigkeit verleihen. Die Besucherinnen und Besucher meines Standes interessierten sich nicht für das Buch, sondern auch für das Tagebuch selbst. Ich beobrachtete mit Neugier, wie sie die Seiten vorsichtig umblätterten ⎯ mit einer Mischung as stillem Interesse und jenem leisen Schuldgefühl, das sich einstellt, wenn man in das Tagebuch eines fremden Menschen blickt.

    Später, als ich die Artbook-Reihe SAPA (Stacked and Piled Attempts) entwickelte, ließ ich eines meiner Tagebücher für eine Ausstellung in einer Buchhandlung sogar fast einen Monat lang dort. Fotografien latte ich bis dahin schon mehrmals ausgestellt, doch es war das erste Mal, dass mein Tagebuch allein in einem Raum blieb, ohne mich. Es machte mir Angst, so persönliche Aufzeichnungen fremden Menschen zugänglich zu machen. Zugleich stammte das Tagebuch aus einer Zeit, die schon einige Jahre zurücklag, und die wichtigsten Passagen waren ohnehin in einer Geheimsprache geschrieben, die ich mit siebzehn erfunden hatte. Diese Distanz machte es mir leichter, das Tagebuch dortzulassen.

    Auch in Deutschland machte ich eine ähnliche Erfahrung. Für die Menschen, denen ich hier begegnete, waren meine Tagebücher etwas Rätselhaftes. Wenn ich ihnen eines zeigte, verweilten sie lange bei jeder einzelnen Seite, fast so, als betrachteten sie ein Bild, obwohl das meiste auf Koreanisch geschrieben war. Es berührte mich auf stille Weise zu sehen, dass Menschen dem Tagebuch eines anderen auch dann mit Vorsicht begegnen, wenn sie die Worte darin nicht lesen können.

    Mit der Zeit, während ich beobachtete, wie Menschen auf meine Tagebücher reagierten, wurde mir etwas klar. Ein Tagebuch mag zunächst dazu dienen, den Alltag festzuhalten. Für mich aber ist es zugleich das Werk, an dem ich länger gearbeitet habe als an allem anderen in meinem Leben. So wie ein Bild auf der Leinwand zur Sprache einer Malerin werden kann oder ein Roman zur Sprache einer Schriftstellerin, ist das Tagebuch für mich zu einer Form geworden, in der ich Zeit bewahre und meine eigene Welt ausdrücke. Der Rhythmus der Handschrift, Collagen aus ausgeschnittenem Papier, Fotografien und Zeichnungen, Notizen und Leerstellen ⎯ all diese Elemente wurden zu einer eigenen visuellen Sprache. Sie erreichten die Menschen, noch bevor der geschriebene Inhalt es konnte. Als ich begriff, dass ein Tagebuch eine ähnliche Reaktion hervorrufen kann wie ein Kunstwerk, beschloss ich, meine Tagebücher bewusster nach außen zu tragen. Ich begann, sie nicht länger als tägliche Notizen zu sehen, sondern als Artbooks, die Seite für Seite entstehen.

    Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, die erste Edition meines Tagebuchs zusammen mit Fotografien und Notizen in einem Festivalraum auszustellen. Menschen, die kein Koreanisch lesen konnten, verweilten vor den Seiten. Manche betrachteten die Zeichnungen aufmerksam, andere untersuchten die collagierten Elemente. Wieder andere blätterten durch mehrere Seiten, auf der Suche nach den vereinzelten deutschen Sätzen, die zwischen dem Koreanischen auftauchten. Dabei wurde mir erneut bewusst, dass das, was ich seit Langem hervorbringe, nicht einfach ein Tagebuch ist. Es ist eine visuelle Arbeit, in der sich Text, Bild und Zeit Schicht für Schicht ablagern.

    Auch in Zukunft möchte ich meine Tagebücher nicht bloß als Mittel begreifen, um einen Tag festzuhalten. Sie bleiben der Ausgangspunkt meiner Arbeit ⎯ und vielleicht das Medium, das mich am längsten begleiten wird. Neben dem fortlaufenden Archiv der Originaltagebücher möchte ich aus diesen Aufzeichnungen neue Bücher entstehen lassen. Manche Seiten werden bleiben, wie sie sind; andere werden zu Essays und Artbooks neu zusammengefügt und verwandeln sich in eigenständige Arbeiten. Eine Aufzeichnung endet nicht. Sie wächst weiter, in immer neuen Formen.

    Was ich schaffen möchte, ist nicht ein einzelnes Buch. Es ist eine Welt, die über lange Zeit hinweg entsteht ⎯ aus Aufzeichnungen, die aus dem Leben eines Menschen hervorgehen, sich miteinander verbinden, sich erweitern und nach und nach ein eigenes Ganzes bilden. Die erste Seite bereits aufgeschlagen. Es bleibt nur eines zu tun: die Seite von heute zu vollenden und morgen die nächste aufzuschlagen. So werde ich, über einen sehr langen Zeitraum hinweg, das Leben eines Menschen veröffentlichen.

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